Heute gehe ich meinem Alltag fremd!
- Laura
- 27. Jan. 2021
- 4 Min. Lesezeit
Heute gehe ich meinem Alltag fremd und verkünde euch dies voller Stolz!
Es handelt sich allerdings keineswegs um eine spontane Situation, welche sich grad zufällig so ergeben hat. Sondern es ist das Ergebnis aus einer Portion Glück, einer guten Freundin und einer anspruchsvollen Koordination.
Alles begann mit dem Glück: Ich erhielt, aufgrund eines Jobwechsels von meinen bisherigen Arbeitskollegen ein Abschiedsgeschenk: Eine Übernachtung in einem Spa Resort. Dieses Geschenk hatte die Bezeichnung „Geschenk“ wirklich verdient! Denn es entsprach dem, was ich mir seit langem sehnsüchtig wünschte - EINEN Moment für mich! Ein Tausch eines vollgepackten und eng getackteten Tagesablauf mit einem Moment der Entspannung und des Loslassens aller To do-Listen.
So machte ich mich also auf die Suche nach einem Babysitter. Genau genommen ist meine Auswahl da sehr begrenzt. Aber die Patin meines Sohnes willigte sofort ein und schenkte mir auf diese Weise etwas von ihren Energiereserven.
Nach dem dann auch die Babysitterin organisiert war, musste ich noch alles drum herum koordinieren. Aber jetzt ist es soweit. Ich genieße grad den Welcome Drink in der Lobby des Hotels bei sonniger Bergsicht. Schon fast etwas kitschig, wie sich das atemberaubende Bergpanorama in den Ufern des Zürich Sees spiegelt.
Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden allein eine Nacht im Hotel zu verbringen. Denn ehrlicherweise, möchte ich nicht einmal eine Freundin dabeihaben, obwohl ich meine Freunde über alles Liebe.
Denn heute möchte ich einfach mit mir in einen Dialog kommen und die Seele baumeln lassen. Und so sitze ich etwas später am Tag auf einer dieser traumhaften Hotelzimmerbetten. Mein Blick erstreckt sich über die ganze Stadt und ich erkenne sogar auf all die kleinen fleissigen Menschen, wie sie alle samt unten im Stadtkern ihren Verpflichtungen nachgehen und durch ihren Alltag hetzen.
Ich hingegen, sitze eingekuschelt in meinem Bademantel und genieße jede Sekunde in vollen Zügen.
Bevor ich ein Kind hatte, habe ich nicht gewusst wie intensiv ich eines Tages mal die wenigen Momente der Ruhe genießen würde.
Heute verstehe ich eine inspirierende Freundin, welche mir vor Jahren auf die Frage: „Was machst du grad Schönes?“ antwortete: „Ich bin in aller bester Gesellschaft.“ Wow dachte ich, was machst du denn? Hast du ein Date? Kommt ne Freundin aus der Heimat zu Besuch? Los erzähl schon - mit wem bist du verabredet? Und sie schmunzelte und antwortete: „Nein, ich verbringe den Abend mit mir.“ Meine Reaktion war geprägt von Enttäuschung und Mitleid. Daher bot ich ihr postwendend an: „Soll ich zu dir kommen?“ Aber sie erklärte mir, dass sie es so sagte wie sie es meinte. Schließlich verstand ich, dass sie sich selbst als wundervolle Gesellschaft empfand. Für mich war dies ein wenig befremdlich, denn ich konnte das so gar nicht nachvollziehen. Aber bewundert hatte ich sie für diese positive Einstellung zu sich selbst schon damals.
Heute, fast ein Jahrzehnt später bin ich genau an diesen Punkt. Ich genieße meine Gesellschaft, ich mag mich und bin gern mit mir zusammen.
Hier in der Ruhe lausche ich meinen Gedanken und bin gespannt was sie alles zu erzählen haben. Es ist ein ganz schönes Durcheinander in meinem Kopf. Wie kleine Glühwürmchen die alle um meine Aufmerksamkeit um die Wette strahlen schwirren meine Gedanken umher. Aber ich beobachte sie nur und verfolge keinen Einzigen von ihnen.
Irgendwann wird es dann ruhiger in meinem Kopf und es verwandelt sich in eine Art schlafenden Metropole. Alle Lichter der umherschwirrenden Glühwürmchen sind zur Ruhe gekommen. Vielleicht gibt es hier und da mal ein Gedanke der wie ein Auto durch die stille Nacht fährt, aber es hat sich grundsätzlich eine Ruhe eingestellt.
Das ist dann der Moment an dem ich wieder die Regie in meinem Kopf übernehme. Ich entscheide mich die Lichter für den Morgen in einen geordneten Vogelschwarm zu verwandeln, in dem alle Gedanken geordnet in eine Richtung fliegen.
Dies gelingt mir aber nur deshalb, weil ich mir diese Auszeit von meinem Alltag genommen habe. Diese Zeit mit sich selber brauchen wir sicher Alle von Zeit zu Zeit. Ich bin stolz auf mich, dass ich diesen geschenkten Gutschein auch tatsächlich und umgehend eingelöst habe und ihn nicht von Jahr zu Jahr in meinem Schrank hab einstauben lassen. Nach dem Motto „Wenn mein Sohn erstmal etwas grösser ist…“
Auch meinem Sohn gegenüber habe ich keinerlei schlechtes Gewissen, sondern freue mich für ihn. Denn seine Patin verbringt mit ihm die ganze Nacht. Das ist doch aufregend und mal etwas anderes als immer nur mit Mama. Und auch sie freut sich auf diese intensive Zeit. Kind glücklich, Patin glücklich und ich glücklich.
Zugegeben die letzten Tage war ich dann schon sehr aufgeregt. Ich dachte mir plötzlich, dass ich diese Auszeit doch eigentlich gar nicht benötige und umarmte meinen Sohn ständig grundlos. Auch er nahm mich seit gestern Abend mehrfach in den Arm. Ich vermute, dass er auf diese Weise mein zerrissenes Inneres mir spiegelte.
Aber am heutigen Morgen bin ich dann zum Glück voller Vorfreude aufgestanden, hatte meinen Sohn in aller Ruhe in die Krippe gebracht und habe mich dann auf den Weg ins Hotel gemacht.
Auf den Weg in ein geplantes Fremdgehen von meinem Alltag, welchen ich um keinen Preis eintauschen möchte. Aber eine kleine Verschnaufpause von unserem Alltag als Alleinerziehende haben wir uns zwischendurch absolut verdient! Und so nehme ich mir vor, von Zeit zu Zeit, in Form eines langen Spaziergangs, eines ausgiebigen Kaffees oder einer weiteren Nacht in einem Hotel meinem Alltag immer mal wieder fremdzugehen.




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